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Das Buch der drei Betrüger

Ein Buch, von dessen Existenz es nur Gerüchte und Legenden gab – es wurde über Jahrhunderte hinweg gesucht und nicht gefunden: Der Titel lautet „Die drei Betrüger“. Gemeint sind damit Moses, Jesus und Mohammed. Gedanken, für die Menschen hingerichtet werden. Im 17. Jahrhundert taucht es plötzlich auf, und zwar gleich zweimal.

Gerüchte um ein geheimnisvolles, ketzerisches Buch

Schon im Mittelalter gab es Gerüchte über das Buch „Die drei Betrüger“. Man erzählte sich Geschichten, dass es jemand gefunden habe, dem es dann aber wieder auf geheimnisvolle Weise entwendet wurde.

Selbst im Volksglauben gab es Mythen und Geschichten zu diesem geheimnisvollen Buch. Heute können wir in den alten Korrespondenzen Gelehrter Hinweise zu dem Buch finden. Es sind Hinweise in der Art wie: Ich kenne jemanden, der jemanden getroffen hat, der mal jemanden gesprochen hat, der jemanden kannte, der es mal gesehen hat. Trotzdem hielten sich die Gerüchte hartnäckig und es wurde fleißig nach dem Buch gesucht, sowohl von den Kritikern der Kirche, als auch von der Kirche selbst.

Über 400 Jahre lang wurde von diesem Buch gesprochen. Als im 17 Jahrhundert die Aufklärung begann und der Gedanke an Vernunft sich weiter entflammte, gab es viel Interesse an Schriften, welche die herrschenden religiösen Strukturen und Behauptungen hinterfragten. Martin Mulsow, ein Experte für heimliche Untergrund-Schriften sagt: „Wer sie verfasste, las oder verbreitete, landete im 17. und 18. Jahrhundert im Gefängnis und in den Jahrhunderten davor oft auf dem Scheiterhaufen.“ Dennoch waren solche ketzerischen Schriften verbreitet; es gab genug Menschen, die der Kirche kritisch gegenüberstanden, die aber durch Verbote und Strafen daran gehindert wurden, sich öffentlich als nicht-gläubig zu bekennen, und die daher kritische Schriften und Gedanken nur heimlich weitergaben.
Unter den von der Kirche verbotenen Büchern war das Buch über die „drei Betrüger“ der Star. Viele mächtige Personen sandten ihre Bibliothekare aus, um dieses Buch zu finden. Die Königin von Schweden bot 30000 Franken für das Buch.

Ein unbekannter Autor

Zum Mythos des Buches gehörte auch die Frage: Wer hat es geschrieben? Vermutungen gab es viele. War es Abu Tahir al-Dschannabi, der im 10. Jahrhundert Pilgererkarawanen überfiel und sogar Mekka angriff? Ihm wird nachgesagt er habe behauptet: „In dieser Welt haben drei Individuen die Menschheit betrogen: ein Hirte, ein Arzt und ein Kameltreiber. Und dieser Kameltreiber ist wohl der schlimmste jener drei gewesen.“
Für christliche Theologen galt Mohammed ohnehin als Betrüger. Aber Jesus?

Als möglicher Autor galt auch der Staufer König Friedrich II. Friedrich II. war an Naturwissenschaften und Fortschritt sehr interessiert, sein Hof war ein bedeutsames Zentrum für Wissenschaft und Dichtung, an dem auch Muslime gern gesehen wurden. Mit dem Papst hatte er immer wieder Streitigkeiten. Dieser ärgerte sich über die Ansicht Friedrichs, man brauche an nichts zu glauben, was der Natur und der Vernunft zuwider sei. Eine Auffassung, welche die Macht von Religionsführern bedroht.

Papst Gregor IX: „Dieser König der Pestilenz hat erklärt, die Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, von Jesus, Moses und Mohammed; die beiden letzten seien wenigsten in Ehre gestorben, der erste aber am Schandpfahl des Kreuzes.“

Die Liste der Verdächtigen ist lang. Als mögliche Autoren werden über die Jahrhunderte zahlreiche Menschen genannt. Einige davon wurden als Ketzer gefoltert und verbrannt.

Religion um das Volk zu kontrollieren

Schließlich tauchten im 17. Jahrhundert zwei Fassungen des Buches auf: eine in Frankreich, auf Französisch geschrieben, und eine in Latein.

Der Autor der lateinischen Fassung schreibt, dass die Gläubigen überhaupt nicht wüssten, was sie da eigentlich glaubten („Sie beschreiben Gott nach ihrer Unwissenheit“). Und selbst die offensichtlichen Widersprüche der Bibel würden offenbar nicht von ihnen erkannt. Religion sei ein Werkzeug, um Menschen zu kontrollieren.
„Diejenigen, die am Ruder sitzen, bedrohen das Volk mit der höchsten Macht und Rache, sie geben einen vertrauten Umgang mit Gott vor“.
Das Buch appelliert an die Menschen, ihren Verstand zu benutzen.

Eine Aussage, die in dem französischen Buch ganz ähnlich zu finden ist. Dort heißt es: „Kein Vernünftiger kann glauben, dass es Gott, Hölle, Geist und Teufel gibt. Diese bedeutend klingenden Worte sind sämtlich erfunden worden, um das Volk zu verblenden und einzuschüchtern.“ Zitiert wird dort außerdem Papst Leo X. mit seinem Satz: „Man weiß seit unvordenklichen Zeiten, welchen Nutzen uns dieses Märchen eingetragen hat.“

Das lateinische Buch „De tribus impostoribus" wurde von dem fanatischen Lutheraner Johann Friedrich Mayer gefunden. Und zwar in seiner eigenen Bibliothek. Mayer hatte eine der größten Privatbibliotheken seiner Zeit aufgebaut. Nach seinem Tode 1714 wurde sie in Berlin versteigert.

Ein Scherz?

Diese Versteigerung zog zahlreiche Bieter an. Darunter auch ein Vertreter des russischen Zaren. Der König von Hannover wiederum schickte den Philosophen Leibniz, um das Buch zu beschaffen. Ersteigert wurde es allerdings letztlich von einem kaiserlichen Abgesandten aus Wien. Heute befindet sich das Buch in der österreichischen Nationalbibliothek.

Und es ist eine Fälschung, genauso wie das französische Buch. Zwei Menschen dachten sich, völlig unabhängig voneinander: ,Ich schreibe das Buch, das alle suchen.‘ Wie kam die lateinische Fassung nun aber in die Bibliothek eines strengen Theologen, der das Werk als die „abscheulichste aller atheistischen Schriften“ bezeichnet hat? Der Philosophieprofessor Winfried Schröder hat den Weg des Buches in diese Bibliothek rekonstruiert und dabei auch den Autor herausgefunden.

Das Buch ist von dem Juristen Johann Joachim Müller geschrieben worden. Dieser war der Enkel des Theologen Mayer und hat ihm vermutlich in böser Scherzhaftigkeit das Buch untergejubelt. Beim Schreiben hat der Autor teilweise wortgetreu von Hobbes und Spinoza abgeschrieben. Es gibt auch Passagen aus seiner eigenen Doktorarbeit.

Wer der Autor des französischen Buches ist, wurde derweil noch nicht abschließend geklärt. Bekannt ist auch nicht, was es mit den Gerüchten des Buches ursprünglich auf sich hatte. Die Frage bleibt: Existiert irgendwo das Buch aus dem Mittelalter, das Original, der Ursprung der Gerüchte? Vielleicht wurde es ja sogar gefunden, von den Agenten des Vatikans?

Katze