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Hüt(h)er der Menschlichkeit

Die Menschwerdung ist ein außerordentlich komplizierter und deshalb störanfälliger Prozeß, in dem wir ständig Gefahr laufen, daß die Störung dieses Prozesses zum Normalfall (erklärt) wird. Dann freilich stellt sich die Frage nach dem Wohin nicht mehr. (Gerald Hüther: ,Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn‘)

Obwohl ich selbst Bücher schreibe, bin ich kein Fan neuer Bücher. Das ist einer dieser Widersprüche, der mich, wenn ich eine Romanfigur wäre, erst so richtig „rund“ und „authentisch“ machen würde. Ich kann zwar nicht anders, als meine eigenen Gedanken und meine Poesie auf Papier zu bringen, innere Bilderfrage mich aber oft, wie andere SchriftstellerInnen es schaffen, sich davon zu überzeugen, dass das, was sie zu sagen haben, so ungemein wichtig sei, dass dafür eine Druckerei und die ganze Werbemaschinerie in Gang gesetzt werden müssen, dass LektorInnen, Cover-GestalterInnen, BuchhändlerInnen, PostbotInnen usw. dafür ihr Bestes geben und schließlich LeserInnen ihre kostbare Zeit darauf verwenden. Außerdem der ganze Papierverbrauch! Eigentlich kann ich das nicht mal mit meinen eigenen Büchern vor mir selbst rechtfertigen.

Es gibt ja auch schon so unglaublich tolle Literatur auf der Welt, so vielfältige Werke von solcher Schönheit, Wortgewandtheit und Intelligenz, dass einem nichts mehr zu wünschen übrig bleibt – und es gibt so viele davon, dass wir alle nur mit Literatur, die älter ist als wir selbst, bereits unser ganzes Leben lesend verbringen könnten, und das, ohne irgendein Buch zweimal lesen zu müssen.

Heutzutage gibt es so viele Neuerscheinungen wie nie und ein Großteil von ihnen, Entschuldigung, ist absoluter Quatsch von Leuten, die entweder nicht einmal zwei richtige Sätze aneinanderreihen können, oder ein so flacher, unreflektierter Versuch von Tiefgründigkeit, dass einem beim Lesen die Galle hochkommt. Wenn ich jemandem ein Buch empfehle, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es aus einem anderen Jahrhundert stammt als dem, in dem wir es uns gerade ungemütlich gemacht haben. Genau deshalb haben das Buch und der Mensch, die ich euch heute vorstellen will, so einen großen Eindruck auf mich hinterlassen: Der Mensch lebt nämlich in derselben Zeit wie ich und hat es dennoch geschafft, mich über alle Maßen zu beeindrucken. Das Buch, ein Sachbuch, ist einfach, aber in niveauvoller Sprache verfasst. Ich habe es unglaublich gern gelesen. Am liebsten hätte ich mir jeden Satz daraus direkt durch die Nase ins Gehirn gezogen, damit alle Wörter einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen und nicht wieder vergessen werden können. Aber das Schöne ist: Das Buch ist auf irgendeine magische Art und Weise ohnehin so geschrieben, dass man nicht viel davon vergisst. Vielleicht liegt es daran, dass einem nicht so viele komplizierte Fachwörter vorgesetzt werden, sondern man stattdessen in anschauliche Situationen und erinnerungswürdige Beispiele eintaucht. Vielleicht liegt es auch daran, dass man beim Lesen merkt, wie sehr sich der Autor wünscht, zumindest ein Grundverständnis von den Dingen würde beim Leser/bei der Leserin verweilen, und dann würde unsere Gesellschaft zu einer besseren, weil umsichtigeren, menschlicheren, liebevolleren. Das ist ein Wunsch, für den mein Kopf und mein Herz so offen sind, dass ich beim Lesen automatisch eine höhere Verständigkeit an den Tag lege. Ich würde mal behaupten, dass das bei den meisten Lesern/Leserinnen ganz ähnlich ist – und so bleibt das Buch ganz leicht im Kopf, um einen immer wieder im Alltag und auch anderswo zu bereichern.

Huether

Die Rede ist von einem Buch, das eigentlich drei Bücher miteinander vereint:„Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, "Die Macht der inneren Bilder“ und „Biologie der Angst“. Natürlich kann man sich auch einfach eines davon kaufen, wenn einen nicht alle Titel ansprechen, gut und lehrreich sind sie aber definitiv alle drei und ich war froh, den Sammelband zu haben, der mir übrigens durch Zufall dadurch in die Hände fiel, dass jemand aus meiner Familie das Buch herumliegen hatte (wie es so häufig ist).

Der bewundernswerte Autor ist Gerald Hüther (Dr. rer. nat. Dr. med. habil.), ein Neurobiologe, dem es ein Anliegen ist, Forschungsergebnisse seines Gebiets auch Normalos wie mir verständlich zu machen. Warum? Ich habe ihn leider noch nicht persönlich danach fragen können, habe aber, nachdem ich mich mit seinen Büchern, Vorträgen und Tätigkeiten näher auseinandergesetzt habe, so ein Gefühl, dass er das nicht des schnöden Mammons wegen macht, sondern um zu tun, was er als einzelner Mensch und Neurobiologe eben tun kann, um sich und seinen Mitmenschen zu Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Selbstsicherheit zu verhelfen. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Aber manchmal gibt es solche Menschen, zum Glück auch in unserer Zeit.

Huether

Gerald Hüther ist Vorstand der sogenannten Akademie für Potentialentfaltung link, einer gemeinnützigen Genossenschaft, deren Ziel es ist, auf unsere Beziehungs- und Begegnungskultur so einzuwirken, dass wir uns weniger gegenseitig belehren und bewerten, sondern stattdessen vielmehr motivieren und inspirieren. Die Akademie hat ein Mentoring-Programm, in dem sich erfahrene Experten verschiedenster Fachrichtungen und Lebensweisen für jüngere Leute zur Verfügung stellen – einfach für einen inspirierenden und motivierenden Austausch, von dem im besten Fall beide Parteien viel Neues lernen können. Zudem arbeiten die Mitglieder der Akademie an diversen Projekten, zum Beispiel welchen, die darauf abzielen, junge Menschen auf gesündere Weise lernen und sich bilden zu lassen, als es die meisten staatlichen Bildungssysteme derzeit tun. Mit „gesünder“ meine ich hier kein gesundes Essen in der Cafeteria oder Mensa, sondern ein System, in dem Schüler als die wertvollen und würdevollen Individuen behandelt werden, die sie nun mal sind.

Huether

In seinen Büchern erklärt uns Hüther auf verständliche Weise die grundsätzlichsten Dinge über uns selbst. Zum Beispiel: Wie funktioniert eigentlich unser Gehirn? Auf welche Arten kann man sein Gehirn benutzen? Was ist Angst und was macht sie mit uns? Was brauchen wir, um uns sicher zu fühlen, um glücklich zu sein? Ich bin ja eigentlich, meine ich, ein Mensch, der viel hinterfragt, auch sich selbst. Darum war ich erstaunt, wie lange ich mit meinem Gehirn nun schon habe zubringen können, ohne mich je dafür interessiert zu haben, wie es eigentlich funktioniert. Ich bin sehr froh, dass Gerald Hüther meinen Weg gekreuzt hat und finde, ganz ehrlich, am besten sollte jeder mal was von ihm gelesen haben!

Hier geht‘s zum Buch, link

und hier zur Website des Autors link

Tipp
Tipp von Mai
Katze