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Coverbild von Henker und König

Henker und König von Mai-Kristin Linder

Die Autorin empfiehlt ihr eigenes Buch. Natürlich. Ich finde, nach der ganzen Schreiberei hat man sich das aber auch verdient. Ich will euch jedoch nicht einfach sagen „Es ist meins, es ist toll, also lest es“: Ich hätte einfach Lust, euch vom Schreiben dieses Buches zu erzählen. Das kann ich aber nicht, ohne euch zugleich zu berichten, welche andere Literatur mich zu jener Zeit gefesselt oder gelangweilt hat (beides gleichermaßen wichtig!). Ich will hier also am liebsten gleich mehrere Buchtipps auf einmal loswerden. Bücher habe ich eigentlich immer schon geschrieben, kaum dass ich welche lesen konnte. In der Grundschule waren meine Geschichten zusammengewürfelte Eindrücke aus den Kinderbüchern, die man mir gab. Die schönsten, besondersten und seltsamsten davon stehen noch bei mir im Regal:

Das kleine Ich bin ich link 
versucht, herauszufinden, was für ein Tier es ist. Alles in Reimen und super gezeichnet!

Da bin ich link 
Tragisch, wunderschön, verstörend, genial. Eines meiner liebsten Bücher als Kind. Hinter jedem Bild erahne ich bis heute eine tiefe Bedeutung, die sich mir aber niemals komplett erschließt.

Wenn Tiere träumen link 
Wunderbar zum Einschlafen, auch heute noch. Tolle Bilder und hübsch gereimt.

Eine weitere große Inspirationsquelle waren Lustige Taschenbücher (einige davon absolut empfehlenswert! Große Klassiker der Weltliteratur haben ihren Weg zu mir oft erst durch entenhausener Interpretationen gefunden), sowie Computerspiele und Filme, die ich noch gar nicht gucken durfte.

„Henker und König“ schrieb ich, als ich an der Universität war. Die erste Idee dafür kam durch ein Lied auf der CD eines Freundes: Des Königs Henker von Saltatio Mortis.

Mir fiel auf, dass es nicht viele Geschichten über Henker gibt, obwohl ihre schaurige Aura und die Tragik, die mit jedem Henkersleben verknüpft ist, ob mittelalterlich oder modern, eigentlich viel Stoff zum Schreiben bietet. Im Studium hatte ich Zeit, mir so eine Geschichte zu überlegen, aber viel recherchieren wollte ich nicht: Also dachte ich mir die ganze Welt gleich mit aus. Fantasy ist nicht mein Lieblingsgenre. Ich lese es höchst selten. Eigentlich nur Klassiker. Den kleinen Hobbit, Die unendliche Geschichte …
Ich habe mich auch an dem Lied von Eis und Feuer versucht, aber leider schafft es fantastische Literatur oft nicht, mich richtig zu fesseln.

Trotzdem habe ich mich daran gewagt, sie zu schreiben. Heraus kam etwas, das garantiert ein bisschen anders ist als das, was man inzwischen gewohnt ist.
Die literarischen Einflüsse, denen mein schriftstellerisches Hirn zu jener Zeit ausgesetzt war, stammen aus der Islamwissenschaft und der Geschichte deutscher Literatur. Ich las den West-oestlicher Divan link  , ein wunderbares Buch voller Gedichte und Betrachtungen, die Goethe in der Auseinandersetzung mit dem Islam und dem persischen Dichter Hafis schuf. Von einer so frühen, so schönen Brücke zwischen Deutschland und dem Nahen Osten habe ich lange nichts gewusst.

Außerdem kämpfte ich mit Hölderlin, einem mir bis dahin völlig unbekannten Dichter, den ich ein Jahr lang hasste, bevor ich mich rettungslos in ihn verliebte.

Was für ein Charakter! Was für anschauliche Beschreibungen eines Griechenlands, in das er körperlich niemals reiste, und was für eine Liebe zum Wort („Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, daß es besser ist zu sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt!“). Etwas Anstrengenderes als seinen Hyperion link  habe ich nie gelesen, aber jeder einzelne Satz ging mir runter wie Öl und hat mich ganz sicher in meinem Schreiben beeinflusst. Ebenso wie der Roman, der mir in dieser Zeit (abgesehen von meinem eigenen) am allermeisten am Herzen lag: Owen Meany von John Irving link  .

Dieser Schriftsteller schafft es, dass man mit Haut und Haaren in seine Welt eintaucht. Jeder Charakter ist lebendig und wird einem während des Lesens zum Freund. Die Handlung, interessant und pointiert, muss dabei automatisch ein wenig in den Hintergrund treten, hat seine Wirkung bei mir aber trotzdem nicht verfehlt und hängt mir (Jahre später) immer noch nach. Etwas Ähnliches zu machen habe ich mit "Henker und König" link  versucht. Ob es gelungen ist, muss der Leser entscheiden. Auf jeden Fall steckt viel Literaturgeschichte darin, und ein kleiner islamwissenschaftlicher Teil findet sich vielleicht auch.

Tipp
Tipp von Mai
Katze