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Die DNA von Bestsellern und moderne Kunstfälscher

Algorithmen sind gerade in Mode. Es wird versprochen, sie würden für einen wissen, was man will, und einem das lästige Denken abnehmen. Sie können alles besser für den Menschen regeln als der Mensch es selbst für sich kann. Sie sollen sogar besser wissen als du, welchen Kaffee du magst.
Dabei wird oft vergessen, was sie wirklich tun sollen: nämlich Geld einbringen. Und nichts anderes. Algorithmen werden verkauft. Sie sind eine Ware, die gerade boomt, weil sie neu ist. Und es wird viel versprochen, weil Werbung eben viel verspricht.
Ein Traum, den viele Algorithmus-Anhänger träumen, ist der von einem Code, welcher verkaufbare Kunst schafft oder doch zumindest den Wert eines Kunstwerkes erkennen kann.

Vom Rembrandt-Algorithmus zu einer Rembrandt-Kopie

Der Rembrandt-Algorithmus zum Beispiel ist der Versuch, mit Hilfe von Datenanalyse ein neues „Kunstwerk“ zu schaffen. Dazu werden Rembrandts Bilder gescannt und analysiert, es werden so viele Daten wie möglich gesammelt. Zu seiner Pinselführung und zu seinen Motiven, zu den Farben, die er benutzt. Und auch zu den abgebildeten Personen, ihren Gesichtern, ihrem Geschlecht und ihrem Alter. Aus diesen Daten mischt der Algorithmus ein neues Bild zusammen. Die Macher stellen das neue Bild so vor: 347 Jahre nach seinem Tod wird der nächste Rembrandt enthüllt.
Sie drücken sich so aus, als hätten sie Rembrandt wieder zum Leben erweckt. Das ist natürlich falsch. Das Bild ist kein Rembrandt. Es ist nichts weiter als eine Kopie, die aus vielen einzelnen Bildern besteht. Was hier gezeigt wird, ist eine Form vom Durchschnitt der eingescannten Werke.
John Hyman, Professor für Ästhetik an der Universität von Oxford, sagt dazu: Nicht annähernd so schlecht wie ein paar falsche Vermeers, mit denen einige Leute 1940 reingelegt wurden, aber auch nicht so beeindruckend wie die Fälschungen von John Myatt

Er sieht darin keine ernsthafte Kunst und auch keine Bedrohung für echte menschliche Künstler, sieht aber den Beruf des Kunstfälschers vor einem Wandel.

Bestseller-Code, Bestseller-DNA

Was hat das mit Büchern zu tun?
Kann ein Algorithmus nach ähnlichen Mustern wie der Rembrandt-Algorithmus Bücher analysieren und herausfinden, welche zu Bestsellern werden und welche nicht?

2016 wurde in den USA ein Buch mit dem Titel Der Bestseller-Code veröffentlicht. Die Autoren aus der Stanford Universität schreiben an einem Code, mit dem sich mit 97% Genauigkeit (Vorsicht vor solchen Zahlen) voraussagen lässt, ob ein Roman auf der New York Times Bestsellerliste landen wird oder nicht.

Start up - QualiFiction

In der Innovation-Area der Leipziger Buchmesse sollen zukunftsweisende Innovationen für den Buch- und Medienmarkt vorgestellt werden. Dieses Jahr fiel dort besonders das Start up QualiFiction auf.
Ähnlich wie der Rembrandt-Algorithmus und der Bestseller-Code haben die Hersteller eine Software entwickelt. Sie heißt Bestseller-DNA und sie liefert den Bestseller-Score. Die Bestseller-DNA besteht aus der Analyse Tausender von Büchern. Der Algorithmus soll herausfinden, welche Muster die Bücher vereinen, die sich gut verkaufen. Manuskripte können dann eingelesen werden und ihre Ähnlichkeit mit den erfolgreichen Büchern wird bewertet. Das ist dann der Bestseller-Score.
Die Firma QualiFiction sieht die Software als Hilfe für Verlage. Verlage sind mit den zahlreichen eingeschickten Manuskripten überfordert. Mit der Software können diese Manuskripte vorsortiert werden.

Die geschäftsführende Gesellschafterin Gesa Schöning behauptet: Mit unserer Software haben nun auch unbekannte Autoren eine größere Chance, entdeckt zu werden, und Verlage ein geringeres Risiko, den nächsten 'Harry Potter' wieder einmal abzulehnen.
Dass Bücher damit durch das Verlagsraster fallen, weil sie einen Computertest nicht bestehen, sagt sie nicht. Dabei ist es das, worüber die Autoren von dem Bestseller-Code, Jodie Archer und Matthew Jockers, sich Sorgen machen. Sie distanzieren sich ausdrücklich davon, ihren Code als Produkt zu sehen. Für sie ging es um Forschung. Auch wenn sie zugeben, dass die Industrie sehr interessiert ist. QualiFiction jedenfalls gewann den Businesspreises des Neuland 2.0 der Leipziger Buchmesse.

Bestseller-Score Bild


Statt für den Leser für den Bestseller-Score schreiben

Es stellt sich nun auch die Frage, inwiefern Bücher geschrieben werden können, um vom Algorithmus einen hohen Bestseller-Score zu bekommen. Auch Google benutzt einen Algorithmus mit einem Score, um Suchergebnisse anzuzeigen. Einem Websitebetreiber kann es sehr wichtig sein, bei bestimmten Suchbegriffen von Google möglichst ganz oben in der Trefferliste zu erscheinen. Deshalb werden Texte oft nicht für den Leser, sondern für den Algorithmus geschrieben. Für den menschlichen Leser handelt es sich aber um Müll (Google wird besser und versucht, solche Texte zu erkennen).

Wenn es für einen Autoren wichtig wird, bestimmten Richtlinien zu folgen, um den Algorithmus zu gefallen, ist das keine tolle Aussicht. Letztendlich werden sich Bücher so immer ähnlicher. Dem Code für die New York Times Bestsellerliste nach lohnt es sich, über eine weibliche Heldin von 28 Jahren zu schreiben. Auch das Wort thing zu verwenden lohnt sich. Es kommt in den Büchern der New York Times Bestsellerliste sechsmal häufiger vor als in Nichtbestsellern.

Bestseller-DNA wird auf ähnliche Ergebnisse für den deutschen Markt kommen. Ob so der neue Harry Potter entdeckt wird, steht sehr in Frage. Für den Bestseller-Code jedenfalls war Game of Thrones kein Bestseller.

Bestseller-Score Bild